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Eine dämonische Gestalt,
die der Forschung viele Rätsel aufgibt.
Der Bilwis taucht bereits in der mittelalterlichen Literatur auf, macht
jedoch im Laufe der Zeit eine widersprüchliche Entwicklung durch, indem sich
sehr komplexe Züge in ihm vereinen.
In Wolfram von Eschenbachs Roman „Willehalm“ (1220) wird der Bilwizschuss
erwähnt: „si wolten, daz kein pilwisz / si da schüzze durit diu knie“.
Damit wird dieser nicht näher beschriebene Dämon der niederen Mythologie als
feindselig und gefährlich charakterisiert.
Claude Lecouteux macht in der Entwicklung dieser Gestalt drei Phasen aus.
Von einer germanischen, wenig bekannten Göttin (Asin) Bil, die eine
Personifizierung des abnehmenden Mondes und dessen lähmender Wirkung war,
entwickelt sie sich zu einem elbischen, zwergenhaften Wesen, das Mensch und
Vieh durch den Abschuss eines Pfeiles lähmen kann. Im Laufe des 13. Jh.s
verliert dieses Wesen, das eine übernatürliche Kraft personifizierte,
allmählich seine Identität und wird mit den Unholden, Trud und ähnlichen
Gestalten, identifiziert, bis es schliesslich als Hexe anthropomorphisiert
wird.
In einer schlesischen Handschrift eines Beichtspiegels vom Ende des 14. Jh.s
werden die Bilwise den Hexen, gleichgesetzt.
Es findet hier der Übergang von einem Wesen der niederen Mythologie zu einem
Menschen statt. Schliesslich wird der/die Bilwis in Menschengestalt
diabolisiert, wird eine Verwandlungsgestalt des Teufels zur Hexe und zum
Zauberer. Eine letzte Entwicklung liegt vor, wenn der Bilwis etwa seit dem
16. Jh. als Reichtum bringender Korngeist (vor allein im Nordosten
Deutschlands) aufgefasst wird. Zugleich kennt ihn der bayerisch-thüringische
Raum als schädigenden Korndämon, den Bilwisschnitter, dem die bisweilen in
den Kornfeldern streifenförmig umgelegten Halmreihen zugeschrieben werden.
In Kärnten sieht man im Bilwis einen Dämon im Wirbelwind, der Gliederreissen
und andere rheumatische Schmerzen (Hexenschuss) verursachen soll. Die
oberpfälzische und tirolische Namensform Wille weis ist eine Kontamination
mit der Gestalt der oberfränkischen Wahrsagerin Sibylle Weiss.
Bilwissagen sind vorwiegend im bayerischen, oberpfälzischen, schlesischen,
sächsischen und thüringischen Raum verbreitet, wobei man davon ausgehen
kann, dass die Vorstellung im Mittelalter im gesamten deutschsprachigen Raum
verbreitet war. Wie die angedeutete Entwicklung zeigt, ist die Vorstellung
dieses Dämons überaus polymorph, und sie geht Kontaminationen mit anderen
Sagengestalten ein. Dementsprechend ändern sich auch die Eigenschaften; in
der letzten Entwicklungsphase ist er ein Zauberer oder eine Hexe, die das
Korn mit Sicheln, die an den Füssen befestigt sind, abschneidet. Damit reiht
er sich in die Reihe der Korndämonen ein, deren Wesen schadenstiftend ist.
Der Bilwis ist eines der eigenartigsten und geheimnisvollsten Wesen unter
den Glaubensgestalten der Volksüberlieferung, dessen variierende Gestalt
typisch für eine bäuerliche Kultur ist, die damit einer Naturerscheinung,
den unheilvoll umgelegten Zeilen im reifen Korn, eine mythische Deutung
gibt. |