| Chirologie |
| Charakterdeutung aufgrund von Handinnenformen und -linien. Die Interpretation erfolgt im Regelfall statisch, d. h. ohne Berücksichtigung der Handbewegungen (Gestik). Einige Autoren sehen die Chirologie als Teilgebiet der Physiognomik und sprechen dann von Chirognomie oder Chirognomik. Über die Anfänge und das Alter der Chirologie und der Chiromantie (auch Chiromantik), aus der sich die Chirologie ausgrenzte, ist wenig Sicheres bekannt: Die Bedeutung der Handabdrücke bei Felsbildern, die sich aus zum Teil sehr alter Zeit auf allen Kontinenten finden, dürften schon mit der chirologischen Vorstellung zusammenhängen, dass die Hand stellvertretend für den ganzen Menschen stehen kann. Eindeutig chirologisch sind vedische Texte (um 1000 vor Christus). Chinesische Chirologie-Texte sind vermutlich noch älter. Ein früher Zeuge abendländischer Chirologie ist Aristoteles. In den folgenden Jahren lässt sich noch keine klare Trennung zwischen Chiromantie und Chirologie durchführen. Ausserdem ist die Handlesekunst zum Teil eng verbunden mit alchimistischen und anthropologischen Lehren (z. B. gelten die einzelnen Finger als von bestimmten Planeten regiert. Entsprechendes gilt für die Handinnenformen: Venus-, Jupiterberg usw.). So veröffentlichte z. B. 1644 John Bulwer, der sich vornehmlich mit Alchimie und dem Studium des Neuplatonismus beschäftigte, eine Chirologia. Die natürliche Sprache der Hand. Fludd und Paracelsus sind bedeutende Vertreter der Chirologie in späterer Zeit. Bis ins 18. Jahrhundert war die Chirologie sogar an deutschen Universitäten vertreten. Aristoteles nannte die Hand das Organ der Organe, Carus sprach vom merkwürdigsten Kapitel der Symbolik menschlicher Gestalt und Anthropologen des 20. Jahrhunderts begründeten die Sonderstellung des Menschen in der Evolution mit der Ausbildung der Hand. Die Psychologie untersucht und deutet die Produktionen der Ausdruckshand (Ausdruckspsychologie) - Geste, Gebärde, Schrift - und die Funktionen der Arbeitshand (Berufs-, Arbeitspsychologie). Ein Übergang von der Psychologie zur Chirologie kann da gesehen werden, wo Psychologen die Hand als konstitutionstypisch sehen (Konstitutionshand), wie etwa Kühnel (1932). In der zeitgenössischen Chirologie gibt es keine einheitliche Systematik. Allen Betrachtungsweisen liegt aber die Vorstellung zugrunde, dass der Mikrokosmos Hand den Makrokosmos ganzheitlicher Mensch abbildet. Auf der Landkarte der Hand werden seelische und geistige Areale lokalisiert und ausgedeutet. Bei einigen Autoren findet eine Parallelisierung zwischen räumlichen Modellen der psychischen Organisation (z.B. dem topischen Modell Freuds) und der räumlichen Realität der Hand statt. Daneben aber gibt es noch immer Verbindungen zur Astrologie: Dabei werden Häuser des Horoskops mit bestimmten Handarealen gleichgesetzt. Die meisten Chirologen deuten die Linke im Sinne angeborener Persönlichkeitsmerkmale, die Rechte als Träger der erworbenen und individuellen Möglichkeiten (dahinter steht die Vorstellung, dass der Mensch sich sein Leben mit der Rechten schafft. Entsprechend gilt die chirologische Regel bei Linkshändern umgekehrt). Die Chirologie ist ein Grenzgebiet der Psychologie, das die Psychologen wegen seiner Nähe zur Chiromantie weitgehend vernachlässigt haben. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, dass Jung ein Vorwort zu einem chirologischen Werk schrieb (Spier 1955). Nach ihrem Selbstverständnis hat die Chirologie keine Berührungspunkte mit der Parapsychologie. Bei einzelnen Chirologen darf man allerdings vermuten, dass sie Sensitive sind, ihre Informationen paranormal erwerben und durch die Hand oder den Handabdruck als Psychischem Induktor bewusst werden lassen. |
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