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Ein mannweibliches
Doppelwesen, in der alchemistischen Allegorik häufig irreführend als
Hermaphrodit bezeichnet, dient hier einerseits als Symbolbild für die
Materia prima, anderseits auch für den „Stein der Weisen“, der die polaren
Gegensätze in sich auflöst, »Coincidentia oppositorum«. Die androgyne
Gestalt geht offenbar auf alte kosmogonische Vorstellungen zurück und stellt
die ursprüngliche Einheit der beiden später einander suchenden Gegenpole
dar; etwa in Form des Urriesen Ymir, des Purusha, Gayomard, gemahnend an den
orphischen Urgott Phanes, an die Urwesen in der Euryximachos-Rede, Platons
Symposion, an die hermaphroditische Statue in der Dandamis-Erzählung des
Bardesanes. Über die verschiedenen Systeme der Gnosis drang der Gedanke,
dass jede Schöpfung gewissermassen eine Zeugung wäre und daher eines
männlichen und eines weiblichen Elementes bedürfe, die anfänglich untrennbar
verbunden waren und am Ende wieder ineinander aufgehen, in die Bilderwelt
der Alchemie ein. In der gnostischen Symbolik ist häufig von einer heiligen
Hochzeit von Sophia, der Weisheit, mit dem Sotir, Erlöser, die Rede, und so
tritt an die Stelle des einzigen androgynen Wesens oft das Bild der
zeugenden Umarmung, chymische Hochzeit, etwa von Sonne und Mond. Eine
Tarnbezeichnung für den Androgyn ist »Rebfis«, von res bina, das Zweifache.
Bekannte bildliche Darstellungen des Androgyns sind etwa enthalten in der
Handschrift des Michael Cochem, Biblische Vadiana, St. Gallen, und in der
Handschrift Rh 172 der Zentralbibliothek Zürich.
Die grosse Bedeutung, die jenem Symbol in der Alchemie-Literatur zukommt,
erhellt zum Beispiel aus dem »Kleinen Bauern« des Grassaeus, ebenso aus dem
»Kompass der Weisen« des Ketmia Vere. »Der Mercurius, wovon Montesnyders
redet, hat eine zwiefache Natur, und wird deswegen Hermaphrodit genennt. Hat
zween Eltern, oder entstehet aus zween andern Mercuriis, deren der eine
weiss, der andere roth ist. Die Lunaria Zedlers Lexikon 1738: L. »heisset
bey denen Chymisten, was sie sonsten Aquam mercurialem, Acetum Philosophorum,
Mercurium mineralum, und Sputum lunae, zu nennen pflegen« ist der weisse
Mercurius; der allerschärfste Weinessig des Lullius ist der rothe. Dieser
weisse Mercurius ist das Bad des Monden, und der rothe Mercurius das Bad der
Sonnen... Ich schliesse endlich die Braut und den Bräutigam in eine helle
Kammer« usw.
Charakteristisch für die Metaphorik dieser Epoche ist zum Beispiel der Text
»Aus dem hermaphroditischen Sonn- und Monds-Kind, des Sohns der Weisen
natürlichübernatürliche Gebärung, Zerstöhrung und Wiedergeburt... durch
einen Lehrjünger der Natur L.C.S. Maynz 1752«, in dem Sammelwerk
»Hermetisches A.B.C.... vom Stein der Weisen«, Berlin 1779,: »Von Art hab
ich einen grauen Leib,/ bin doch kein Mann und auch kein Weib;/ beide
Naturen an mir zu han,/ das zeigt mein Fleisch und Blut wohl an,/ das Blut
männlich, das Fleisch weiblich,/ die Kraft beider die ist geistlich./ Ich
habe Mann- und Weibes-Glied,/ drum nennt man mich Hermaphrodit:/... Ein Ding
der Welt vor Augen steht,/ so in sich nimmt des Goldes-Secret:/ sein Form
ist männ-und weiblich Gestalt/ und sein Natur ist heiss und kalt./ Der Mann
bleibt fest, das Weib das fliesst/ wenn mans aus seiner Miner giesst:/ ist
doch nur eins, Anfang und End, hiemit der Mann zum Weib sich wend...« etc.
Vermutlich hat nur die wissenschaftsgeschichtlich erklärbare Tatsache, dass
Fachleute für die Geschichte der - Alchemie sich nicht mit dem
religionshistorischen Basismaterial der Gnosis befassten, die bei
entsprechender Quellenkenntnis naheliegende Erkenntnis behindert, dass sich
in der alchemistischen Doktrin gnostische Lehrinhalte verbergen. Dies
erhellt vor allem aus Texten, die sich mit der Gestalt des androgynen
Gottes, der den Menschen »nach seinem Ebenbilde« und zugleich als »männlich
und weiblich« geschaffen hat. Diese esoterischen Lehren spielen auch in der
jüdischen Geisteswelt der Spätantike eine grosse Rolle. Im Traktat Megilla
des babylonischen Talmud wird die Bibelübersetzung diskutiert: 'Männlich und
weiblich erschuf er ihn', statt 'erschuf er sie. R. Mayer schreibt in seinem
Kommentar dazu: »Raschi verweist zu dieser Stelle auf die Aggada, nach
welcher der eine erste Mensch, Adam zunächst zwei Gesichter gehabt habe.
Eine ähnliche Legende wird von Aristophanes im Symposion von Platon
erzählt.« Die Lehre von einer ursprünglich vorhandenen Doppelnatur, die
später auf höherer Stufe bewusst wiederhergestellt werden soll, wird in den
alchemistischen Texten in Form von Allegorien der zur Einheit strebenden
Dualität von Sol/Luna, Mars/Venus, Gabricius-Beja, König/Königin, Sulphur/Mercurius
usw. immer neu paraphrasiert. Diese polaren Gegensätze sollen von der
uranfänglichen Doppelgestalt über einen Prozess der Läuterung zu einer
vergeistigten Ganzheit hinleiten. Sowohl androgyne Bilder als auch solche
der „chymischen Hochzeit“ spielen damit auf Doktrinen aus dem Mutterboden
der Gnosis an.
Kennzeichnend für die der androgynen Vorstellung zugrundeliegende
Geisteswelt ist zum Beispiel Vers 22 des syrischen apokryphen
Thomas-Evangeliums: »Wenn ihr das Männliche und das Weibliche zu einem
einzigen machen werdet, so dass das Männliche nicht männlich und das
Weibliche nicht weiblich sein wird..., dann werdet ihr in das Königreich
eingehen«. |